HeidelbergCement in Togo

Trotz allem Bemühens sich ein reines Image aufzubauen, stehen für HeidelbergCement an erster Stelle immer Profit und Wachstum– auch wenn dafür auf Deals mit Diktatoren eingegangen wird. „HeidelbergCement und deren Tochterfirmen unterstützen die togolesische Regierung und tragen dort zu Armut und Umweltkrisen bei“, so der 2005 geflüchtete Togolese Pierre K. im Gespräch mit der Rhein-Neckar-Zeitung bei einer Protestaktion der Gruppe Wurzeln im Beton im Sommer 2020. [1]

Bereits im Februar 2020 folgten etwa 200 Menschen in Heidelberg dem Aufruf der Organisation Aktion Bleiberecht Freiburg [2] angesichts der bevorstehenden Wahlen in Togo für Demokratie und Gerechtigkeit auf die Straßen zu gehen. Vor allem HeidelbergCement stand dabei als Großinvestor in der Kritik.  In dem westafrikanischen Land ist seit 1967 eine autokratische Regierung an der Macht, an deren Spitze seit 2005 Faure Gnassingbé steht, Sohn des vorherigen Herrschers Gnassingbé Eyadéme. Die Vorwürfe bezüglich einer blutigen Machterlangung unter Missachtung der Verfassung, sowie massiven Wahlbetrugs [3, 4] gehen Hand in Hand mit Berichten von Menschenrechtsorganisationen über Menschenrechtsverletzungen, wie Menschenhandel (insb. von Kindern) [5], Folter und Misshandlung von Inhaftierten, massiver Polizeigewalt und -willkür und Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung, sowie der Pressefreiheit.[6]

Seit 1984 ist HeidelbergCement in Togo präsent und betreibt nach eigenen Angaben drei Unternehmen in dem Land: Cimtogo (Produktion und Vertrieb von Zement), Granutogo (Gneissteinbruch) und Scantogo (Klinkerproduktion und -vertrieb).[7] Laut aktion Bleiberecht steht der Konzern seit über 35 Jahren mit der Herrscherfamilie Gnassingbé in Verbindung und unterstützt somit als einer der größten Auslandsinvestoren vorherrschende diktatorische Strukturen. [8] Gleichzeitig nimmt er direkte und indirekte Konsequenzen der Zementindustrie in Togo in Kauf, welche Dogbevi Koffi (2009) von der Universität Wisconsin-Madison in seiner Dissertation “Léxploitation industrielle face aux imperatifs environnementaux au Togo: cas des cimenteries.” erfasst. So geht der Kalkabbau einerseits einher mit der Zerstörung der Vegetation was im Verschwinden heimischer Tierarten resultiert, andererseits mit der Vernichtung archäologischen, kulturellen und historischen Erbes, beispielsweise heiliger Teiche und Wälder, ritueller Stätten und traditioneller Gräber. [9](12) 

Demnach steht zum Beispiel der Tabligbo-Steinbruch sowohl mit Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzungen [10](S13), als auch mit Lärm- und Verkehrsemissionen in Verbindung. Der Boden und dessen Struktur wird u.a. durch den Maschinenverkehr und Sprengungen beeinträchtigt, wodurch Erosionsprozesse beschleunigt werden. Im Rauch, Gas und Staub der Maschinen und Fahrzeuge befinden sich Schadstoffe wie Stickoxide (NOx), Schwefeldioxide (SO2), sowie Kohlenstoffdioxide (CO2), aber auch Schwermetalle, wie Zink und Blei. Diese verschmutzen Luft und Wasser und werden von Tieren und Menschen aufgenommen, woraus gesundheitliche Schäden resultieren können. [11] (S16 ff) Außerdem ist für die Infrastruktur des Kalkabbaus die Inanspruchnahme großer geographischer Flächen unumgänglich. Das führt u.a. zur Verknappung des Ackerlands sowie zur Vertreibung und Umsiedlung der Bevölkerung, die oft auf eigene Kosten stattfinden muss. [12] (S12)  

Gleichzeitig sehen sich HDC´s Mitarbeiter*innen prekären Verhältnissen ausgesetzt. „HeidelbergCement hat in mehrfacher Hinsicht eine Verantwortung gegenüber der Umwelt, gegenüber den Menschen in Togo und gegenüber unserer Zukunft. HeidelbergCement will mit all den Folgen des Kalkabbaus, die Nummer EINS bei der Zementproduktion in Westafrika sein.
HeidelbergCement und die Gnassingbé-Diktatur reden davon, dass sie Arbeitsplätze schaffen. In der Landwirtschaft werden jedoch Arbeitsplätze und die Selbstversorgung vernichtet. Wir wissen, dass HeidelbergCement bei Scantogo billige Leih-Arbeitskräfte von Subunternehmen einsetzt […] .Die Arbeitszeiten werden nicht eingehalten, Überstunden und der Mindestlohn von 35.000 CFA (53 €) werden oft nicht bezahlt. Arbeiter, die protestieren werden entlassen. Viele sind nicht an den Nationalen Sozialversicherungsfonds angeschlossen, die meisten haben kein Arbeitsvertrag. Soweit ein kurzer Einblick zu HeidelbergCement.“, so die Diaspora Togolaise Allemagne (DTA) in ihrer Rede vom 15. Februar. [13]

Das eigentliche Problem sieht Dogbevi (2009) allerdings im rechtlichen und institutionellen Rahmen der Regelungen in Togo zur Umwelt generell, wie zum Bergbausektor im Speziellen. Gesetze, die meist ohne Umsetzungsbestimmungen daherkommen, resultieren in bloßen Absichtserklärungen, deren Nichtbefolgung frei von Konsequenzen bleibt. Zudem fehlen funktionierende Kontrollinstitutionen für die Durchsetzung der vorgesehenen spärlichen Sanktionen. [14](S42ff)  

Ohne intaktes Umweltmanagementsystem, welches klare und strikte Regelungen vorsieht, die konsequent kontrolliert werden, ist die Aussage eines Unternehmens wie HeidelbergCement, sich an geltende Standards zu halten, folglich wertlos.
„Die Mehrheit der Menschen in Togo profitieren nicht davon. In Togo fehlt es an Demokratie, Gerechtigkeit und der Einhaltung der Menschenrechte. Die Menschen in Togo brauchen Schulen, eine funktionierende Gesundheitsversorgung, soziale Unterstützung und Arbeitsplätze mit Zukunftsperspektiven. Keine weitere politische und ökonomische Unterstützung der Diktatur in Togo!, schreibt die DTA in ihrem Aufruf zur Demonstration. [15]

Klick hier um zu sehen wie Diktator Faure Gnassingbé (vorne rechts) Schulter an Schulter mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Bernd Scheifele (vorne links) 2015 die Klinkerfabrik Scantogo in Tabligbo eröffnet.
Quelle: https://www.heidelberg24.de/heidelberg/heidelbergafrika-heidelberg-cement-acht-laendern-suedlich-sahara-aktiv-4807344.html

Kürzlich (20. und 21. Dezember 2020) erschienene togoische Medienberichte zeigen, dass das Thema der ungerechten Entschädigung für die Landnahme der Klinkerfabrik Scantogo mit der dazugehörigen Kalksteinmine in Sikakondji hochaktuell ist. So haben nur einige Menschen Entschädigungen erhalten, große Summen der Zahlungen sind unbekannt versickert. [16, 17]

Quellen:

[1] Rhein-Neckar-Zeitung (07.08.2020). Klimaaktivisten protestieren an Zentrale von Heidelberg Cement (Update, plus Fotogalerie). https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-klimaaktivisten-protestieren-an-zentrale-von-heidelberg-cement-update-plus-fotogalerie-_arid,531123.html
[2] Aktion Bleiberecht (17.02.2020). Gegen die Diktatur und die Umweltzerstörung in Togo! Kritik an HeidelbergCement in Togo! https://www.aktionbleiberecht.de/?p=16926
[3] Gänsler, Katrin (23.02.2020). Präsidentschaftswahl in Togo. Die Lage ist angespannt. taz: https://taz.de/Praesidentschaftswahl-in-Togo/!5664756/%22%20
[4] Gänsler, Katrin (20.12.2018). Langzeit-Regierung in Togo. Wahl als Machtdemonstration. taz: https://taz.de/Langzeit-Regierung-in-Togo/!5560272/
[5]Bureau of International Labour Affairs (2019) .Child Labor and Forced Labor Reports. https://www.dol.gov/agencies/ilab/resources/reports/child-labor/togo
[6] Amnesty International (21.05.2017). Amnesty Report. Togo 2017. https://www.amnesty.de/jahresbericht/2017/togo
[7] HeidelbergCement. HeidelbergCement in Togo. https://www.heidelbergcement.tg/en
[8]Aktion Bleiberecht (17.02.2020). Gegen die Diktatur und die Umweltzerstörung in Togo! Kritik an HeidelbergCement in Togo! https://www.aktionbleiberecht.de/?p=16926
[9]Dogbevi, Koffi, L’Exploitation Industrielle Face Aux Imperatifs Environnementaux AU Togo: CAS Des Cimenteries (Industrielle Betriebe unter Umweltauflagen in Togo: Der Fall der Zementfabriken) (21.10.2009), S. 12. Zugänglich unter SSRN: https://ssrn.com/abstract=2857426 oder http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2857426   (s12)
[10] ebd. S. 13.
[11] ebd. S. 16 ff.
[12] ebd. S. 12.
[13]
[14] Dogbevi, Koffi, L’Exploitation Industrielle Face Aux Imperatifs Environnementaux AU Togo: CAS Des Cimenteries (Industrielle Betriebe unter Umweltauflagen in Togo: Der Fall der Zementfabriken) (21.10.2009), S. 42 ff. Zugänglich unter SSRN: https://ssrn.com/abstract=2857426 oder http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2857426
[15]Redebeitrag Diaspora Togolaise Allemagne (DTA)/ Aktion Bleiberecht Freiburg. (15.02.2020). Nachzulesen unter: https://www.aktionbleiberecht.de/blog/wp-content/uploads/2020/02/Redebeitrag-HeidelbergCemet.pdf
[16]
[17] Kamako, Louis (20.12.2020). Mines: Sika-Kondji se soulève et condamne la ‚cruauté‘ de ScanTogo (Minen: Sika-Kondji erhebt sich und verurteilt die „Grausamkeit“ von ScanTogo.). https://togobreakingnews.info/economie/item/6740-mines-sika-kondji-se-%20Aufheben%20und%20Verurteilen%20der%20Grausamkeit%20von%20Scantogo

Bemerkung: Alle hier aufgeführten Links wurden zuletzt im Dezember 2020/Januar 2021 aufgerufen