cemEND-Bündnis kritisiert Übergabe des Innovationspreises an HeidelbergCement

Berlin, 16.5.2022 – Die Verleihung des “Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt” (IKU) an HeidelbergCement trifft bei Klima- und Umweltverbänden auf Unverständnis, da der Konzern der zweitgrößte Klimasünder Deutschlands sei. Auch Menschenrechtsgruppen kritisieren die Wahl von HeidelbergCement: Die hiesigen Vorschusslorbeeren würden die Vergehen in den Hintergrund treten lassen und Greenwashing Vorschub leisten.

Im cemEND-Bündnis haben sich die Ortsgruppen Heidelberg von Fridays for Future, Extinction Rebellion, den Architects for Future und Greenpeace, sowie das Klimakollektiv Heidelberg, Wurzeln im Beton und Watch Indonesia! zusammengeschlossen und zum Thema positioniert.

Hier ihre Stellungnahme:

Zement ist Klimakiller

Würden alle Firmen sich wie HeidelbergCement heute verhalten, dann wären wir mit einer Klimaerhitzung um 3,5° konfrontiert (Quelle) und würden weit über die Pariser 1,5°-Grenze hinausschießen. Der Konzern mit Sitz in Heidelberg ist auch weiterhin nach RWE das Dax-Unternehmen mit dem zweitgrößten CO2-Fußabdruck. 

Daher ist der Preis, den HeidelbergCement eigentlich erhalten sollte, der traurige zweite Platz der Klimakiller, den wir letztes Jahr bereits überreicht haben. (s. hier) Denn während die Energiewende in aller Munde ist, ist die Bauwende, die dringend notwendig ist, weiterhin ein Nischenthema und wird durch das Greenwashing des Konzerns weiter in den Hintergrund gedrängt. Dabei befördert die Zementherstellung weltweit dopppelt so viel Treibhausgase in die Atmosphäre wie ganz Afrika. Deshalb halten wir es für ein völlig falsches Zeichen von Habecks Ministerium eine ohnehin notwendige Effizienzmaßnahme mit einem Nachhaltigkeitspreis zu versüßen, statt den Zementausstieg überall wo möglich zu fördern und den notwendigen Strukturwandel herbeizuführen. Effektiver Klimaschutz sieht anders aus.

Was wir jetzt brauchen

Was wir von der Politik brauchen, ist: 

  • die Einleitung der Bauwende,
  • einen Stopp der milliardenschweren Unterstützung durch kostenlose Emissionszertifikate und
  • die ohnehin überfällige Durchsetzung der globalen Einhaltung von Menschen- und Völkerrecht in der Zementindustrie.

Was wir von HeidelbergCement brauchen, ist:

  • Klima- und Umweltschutz jetzt!
    HeidelbergCement muss ab jetzt kontinuierlich im großen Umfang seine Emissionen senken und bis spätestens 2035 eine positive Klimabilanz erreichen – und das ohne Herumtrickserei durch Zertifikate. Hierzu muss das Unternehmen auch den Portlandzement mit seinen hohen prozessbedingten CO2-Emissionen schrittweise aber schnell zum größten Teil vom Markt nehmen. Denn Technologien wie CCS (Carbon Capture and Storage) stehen nicht ansatzweise in dem Umfang zur Verfügung, um das bei der herkömmlichen Zementproduktion entstehende CO2 zu binden. 

Die Umwelt- und Ökosystemzerstörung, insbesondere durch Sand-, Kies- und Kalksteinabbau, muss gestoppt werden.

  • Menschenrechte einhalten!
    HeidelbergCement muss entlang der Lieferkette Menschen- und Völkerrecht achten und die Einhaltung von Arbeits- und Gewerkschaftsrechten, sowie eine gerechte Entschädigung von enteigneten Bäuer:innen einhalten.

Dazu muss der Konzern schnellstmöglich seinen Rohstoffabbau im Kendeng-Gebirge, der Westsahara und dem Westjordanland stoppen!

Was wir jetzt nicht brauchen

Was wir jetzt nicht brauchen, sind Signale, dass die Industrie bereits auf dem richtigen Weg ist den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Denn das ist sie nicht. (siehe auch die Selbstauskunft unter: https://www.vdz-online.de/dekarbonisierung)

Hintergrund zum ausgezeichneten Projekt

Das ausgezeichnete Projekt “ReConcrete-360°” benennt das größte Einsparpotential bei der Einspeicherung von CO2 im Betonfeinanteil aus Abbruchmaterial. Dafür muss das CO2 am Schornstein allerdings zunächst aufwendig abgeschieden werden und Betonabbruch in großem Stil anfallen, was langfristig nicht im Sinne einer Kreislaufwirtschaft ist. 

ReConcrete-360° verspricht dann außerdem den Ersatz von bis zu 40 % fossilem Kalkstein durch Recyclingmaterial bei der Zementklinkerherstellung. Das übersetzt sich jedoch zum einen nicht in die gleiche Ressourcen- und Emissionseinsparung pro Tonne Zement. Zum anderen sagt es weder etwas über den kurzfristig zu erreichenden Marktanteil noch über den zukünftigen Gesamtumfang des Absatzmarktes für Zement aus.

Zum Nachhaltigkeitsdreiklang aus Suffizienz (weniger), Konsistenz (anders) und Effizienz (besser) liefert das Projekt höchstens Teilantworten. Die Fragen danach, wie viel prähistorischer Portlandzement durch diese Technik vom Markt verdrängt würde und wie viele Tonnen Zement jährlich weiterhin produziert werden – mithin wie viel Kalkstein weiterhin abgebaut, wie viele Tonnen CO2 weiterhin in die Luft geblasen und wie viele biodiverse Flächen zubetoniert werden – bleiben offen. Eine angemessene Antwort auf die Klimakrise, wie das rapide dahinschwindende Restbudget an Emissionen noch eingehalten werden kann, liefert die Zementindustrie damit nicht.

Vielmehr stellt ReConcrete-360° eine Investition in Forschung und Entwicklung dar, auf die der Konzern dringend angewiesen sein wird, um auch unter den Bedingungen der Wirtschaftstransformation hin zu Ressourcenkreisläufen und Klimagerechtigkeit wettbewerbsfähig zu bleiben. Dennoch wurde das Projekt bereits mit Bundesmitteln gefördert: 3,2 Mio. Euro von 2020-23 vom Bildungsministerium (BMBF), obwohl es weit weg ist von einem einem 100 % kreislaufffähigen Ansatz.

Gleichzeitig hat HeidelbergCement letzte Woche zur Aktionärshauptversammlung 458 Mio. Euro Dividendenausschüttung für das vergangene Geschäftsjahr mitgeteilt. Klimaschutz hat offenbar weiterhin nur im Marketing Priorität. Denn das Kerngeschäft mit dem Klimakiller Zement läuft zu gut, um daran so schnell strukturell etwas zu ändern.

Hintergrund zum Nachhaltigkeitspreis

Die Auszeichnung mit dem Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt (IKU) findet bereits zum achten Mal seit 2009 statt. Damals hieß er noch BDI-Umweltpreis. Dieses Jahr verleiht ihn erstmalig das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) am Montag, den 16. Mai, im Humboldt-Carré in Berlin. Es gibt ein Preisgeld von 25.000 Euro pro Kategorie, insgesamt 175.000 Euro aus Mitteln der Nationalen Klimaschutzinitiative.

Große Namen sind involviert: Jury-Vorsitzender ist Prof. Ottmar Edenhofer, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die wissenschaftliche Vorprüfung hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) übernommen.
Als Tyrannei kleiner Entscheidungen bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler schon seit den 60er-Jahren Situationen, in denen die Summe individueller Entscheidungen von Marktakteur:innen weder zu optimalen noch zu wünschenswerten Ergebnissen für die Allgemeinheit oder die beteiligten Individuen führt. Der Mechanismus ist also bekannt. Vor diesem Hintergrund kleine, unzureichende Schritte in Sachen Klimaschutz zu belohnen, ist kontraproduktiv, weil es die aktuell notwendige Transformation der Wirtschaft verlangsamt. Jede einzelne Auszeichnung lässt sich nämlich gut vermarkten, beruhigt die Öffentlichkeit und mindert daher den Druck für tiefgreifendere Richtungsentscheidungen und damit für Transformation (siehe auch: https://www.klimascheinloesungen.de/). Es hilft uns wenig, wenn an hochproblematischen Technologien nur herumoptimiert wird, während dafür der Begriff der Nachhaltigkeit entwertet wird, wie das Beispiel Verbrennungsmotor zeigt: Der Rebound-Effekt frisst die Effizienzgewinne wieder auf, während die Emissionen ungebremst bleiben, bis sich strukturell etwas ändert (hier: die zarten Anfänge einer Verkehrswende). Das BMWK muss die großen Linien für eine Bauwende festlegen und darf nicht in die Falle der kleinen Entscheidungen tappen.